Die Geschwister Prenski

Die Geschwister Prenski

Sophie Prenski

Wenn ich zurück denke an meine Familie in Lübeck, fällt mir unser Haus in der Adlerstr. ein, wo wir vier Kinder – Max, Martin, Margot und ich die älteste – mit unseren Eltern wohnten. Wir waren arm, mein Vater fuhr mit seinem Pferdefuhrwerk über Land und verkaufte verschiedene Dinge an die Bauern.

Wir älteren Kinder gingen mit den Nachbarskindern in die Schule, Max im Steinrader Weg am Bahnhof und ich in die Schule am Marquardplatz. Mit meinen besten Freundinnen traf ich mich nachmittags nach der Schule.

Plötzlich wurde alles anders, die Lehrer waren unfreundlich zu mir und einige Klassenkameraden wollten mit mir nichts mehr zu tun haben. Mein Vater kam immer häufiger von der Arbeit zurück, ohne etwas verkauft zu haben und er erzählte, dass er von einigen Bauern beschimpft und vertrieben wurde.

Zum Glück hatten wir noch einige nette Nachbarn, die manchmal etwas zu essen oder Spielzeug bei uns an den Zaun hängten, einige hatten sogar Geld für uns gesammelt.

Im Oktober 1938 mussten wir auf einmal unser Haus verlassen, wir sollten mit dem Zug nach Polen fahren, weil wir keine Deutschen, sondern Polen seien. Wir mussten in kurzer Zeit alles zusammenpacken und mit dem, was wir tragen konnten, zum Bahnhof gehen. Wir wussten nicht wohin uns der Zug bringen würde. In Berlin hieß es auf einmal, dass wir wieder umkehren müssten. Ich habe nicht begriffen, warum das Ganze.

Zum Glück konnten wir wieder in unser Haus in der Adlerstr. einziehen. Aber von da an kamen regelmäßig Gestapo-Männer zu uns, die uns drohten und uns aufforderten unsere Sachen zu packen und nach Polen abzuhauen.

Ich ging von zu Hause fort, weil ich in Lübeck und Deutschland keine Zukunft mehr für mich sah. Ich lernte in einer Hachscharah-Einrichtung alles, was man als Bäuerin braucht, auf dem Feld arbeiten, Handarbeit, Haushalt und alles das. Ich wollte mit meinen Freunden nach Palästina auswandern.

Als ich am 25. Juli 1939 hörte, dass mein Vater gestorben sei, war ich völlig niedergeschlagen.

A Max
B Martin
C Margot

Geschwister Prenski

  • Sophie Prenski wurde am 28. Januar 1918 in Grajewo (Polen) geboren
  • ihre Eltern, Sonja und Elias Prenski, sind in den 20er Jahren nach Lübeck gezogen, wo sie sich eine bessere Zukunft frei von Antisemitismus erhofften
  • die Familie wohnte in Lübeck in der Adlerstr. 7, wo noch drei weitere Kinder zur Welt kamen, Max, Martin und Margot
  • Sophie ging am Marquardplatz zur Schule
  • am 25. Juli 1939 starb der Vater Elias Prenski an einer Blutvergiftung
  • die Familie musste das Haus in der Adlerstraße verlassen und in das jüdische Asyl in der St. Annen-Straße umziehen
  • am 6. Dezember 1941 wurden Margot, Martin und Max mit ihrer Mutter Sonja mit den anderen jüdischen Menschen aus Lübeck nach Riga deportiert
  • im benachbarten Bikernieki-Wald wurden die drei Kinder einige Monate später erschossen
  • die Mutter Sonja Prenski starb im Dezember 1944 im KZ Stutthof
  • Sophie Prenski gelang 1940 die Flucht nach Palästina, sie starb 1994 in Israel
  • im gleichen Jahr wurde die erste Integrierte Gesamtschule nach den Geschwistern Prenski benannt
Max Prenski Schlosserwerkstatt

Von meiner Familie hörte ich, dass Max in Hamburg eine Schlosserlehre in einer jüdischen Einrichtung begonnen hatte und dass Martin und Margot nach Hamburg zur jüdischen Volksschule gehen mussten, sie wohnten in Hamburg im jüdischen Waisenhaus.

Nach meiner Ausbildung habe ich mich einer Gruppe angeschlossen, die versuchte  illegal nach Palästina zu kommen. Unsere Reise über die Donau nach Rumänien, wo wir monatelang in einem Lager lebten, und dann mit einem Flüchtlingsschiff – der Patria – über das Mittelmeer nach Haifa schien immer wieder zu scheitern. Als wir in Haifa ankamen, ließen uns die Engländer nicht an Land. Eines Morgens riss mich eine gewaltige Explosion aus dem Schlaf. Ich rannte noch im Pyjama an Deck, überall brannte und qualmte es, überall lagen Tote und Verletzte. Mit einem Sprung ins Wasser versuchte ich, mein Leben zu retten und schwamm an Land.

Ich hatte überlebt und eine neue Heimat gefunden.

Erst Jahre später nach der Befreiung erfuhr ich, dass meine Mutter und meine Geschwister nach Riga deportiert wurden, wo Margot, Martin und Max spätestens am 16. März 1942 ihr Leben verloren.

Den Namen meiner Mutter – Sonja Prenski – fand ich auf einer Totenliste des Konzentrationslagers Stutthof vom Dezember 1944.

Dass sich Schüler*innen und Lehrerinnen – Menschen aus meiner Heimatstadt – für meine Familie und mich interessieren, hat mich berührt. Sie haben sogar eine Schule nach uns Kindern Prenski benannt. 

Familie Prenski

Nach dem 1. Weltkrieg kamen Elias Prenski und seine Frau Sonja, geborene Lawenda mit ihrer kleinen Tochter Sophie aus dem polnischen Grajewo nach Deutschland, wo sie sich eine bessere Zukunft frei von Antisemitismus und Pogromen erhofften. Elias Prenski war am 18.4.1892 geboren, Sonja Lawenda am 20.5.1894, beide in Grajewo, wo sie heirateten und Sophie am 28. Januar 1918 zur Welt kam. In Lübeck lebten bereits zwei Geschwister von Frau Prenski. Das Häuschen Adlerstraße 7 gehörte zum Anwesen ihres Bruders Eli Lawenda, der sich in der Fackenburger Allee mit einem Pferdehandel und einem Restaurant eine Existenz aufgebaut hatte. Hier fanden die Prenskis ihr Zuhause.

Am 23. Juni 1924 wurde der Sohn Max geboren, am 24. Februar 1930 Martin und schließlich am 22. März 1931 Margot.

Um den Lebensunterhalt der Familie zu verdienen, fuhr Elias Prenski mit Pferd und Wagen über Land und verkaufte Schmieröle und Fette an die Landwirte.

Die älteren Kinder gingen mit den Kindern aus der Nachbarschaft zur Schule, Sophie am Marquardplatz, Max im Steinrader Weg beim Bahnhof.

In einem dieser kleinen Häuser in der Adlerstr. 7 lebte die Familie Prenski.
Schulgruppe Jüdische Religionsschule 1938

Über das Leben der Familie haben etliche Menschen berichtet, die in der Nachbarschaft lebten und mit den Kindern befreundet waren. Einige von ihnen versuchten auch während der Nazizeit Kontakt zu halten und die Familie zu unterstützen. Zum Beispiel die Familie Wischwill, die regelmäßig auf dem Rückweg vom Kleingarten eine Tüte mit Gemüse und Obst im Vorbeigehen einfach über den Zaun hängte.

Zweimal wurde die Tochter Uschi von ihrem Vater mit einer Geldsumme hergeschickt, die er mit anderen Sozialdemokraten für die Prenskis gesammelt hatte. Auch in der Reinigung gegenüber an der Ecke bekamen die Prenskis Hilfe. Im Schutz der Dunkelheit konnte Frau Prenski gebrauchtes Spielzeug für Margot und Martin von Frau von Rimscha abholen.

Als polnische Staatsangehörige sollte die Familie im Oktober 1938 aus Deutschland ausgewiesen und im Zuge der sog. Polenaktion über die polnische Grenze abgeschoben werden. Zusammen mit anderen Lübecker Familien saßen sie im Zug, der dann aber in Berlin gestoppt und nach Lübeck zurückgeschickt wurde. Während der kommenden Monate waren sie im Visier der Gestapo, wurden mehrfach vorgeladen und zum Verschwinden gedrängt. Sophie ging von zu Hause fort, in Hachschara-Einrichtungen bereitete sie sich auf eine mögliche Auswanderung nach Palästina vor. Max begann eine Schlosserausbildung in Hamburg.

Am 25. Juli 1939 starb Elias Prenski an einer Blutvergiftung und wurde auf dem Friedhof in Moisling begraben. Frau Prenskis Geschwister mit ihren Familien waren zu diesem Zeitpunkt schon nach Schweden bzw. Shanghai emigriert.

1940 wurde die Jüdische Volksschule in der St. Annen-Straße geschlossen, die Martin und Margot seit ihrer Einschulung besuchten. Nun mussten sie zur jüdischen Volksschule Schule in Hamburg in der Karolinenstraße gehen und wurden in den jüdischen Waisenhäusern untergebracht, da die tägliche Zugfahrt zu teuer gewesen wäre. Im Poesiealbum einer einstigen Mitschülerin befindet sich eine Eintragung von Margot Prenski.

Eintrag von Margot Prenski vom 12. Juni 1941 in das POESIEALBUM von Marion Gumprecht, heute Portman. Marion Gumprechts Familie konnte noch im Sommer 1941 in die USA ausreisen.

Frau Prenski musste die Adlerstraße verlassen und fand eine Unterkunft im „Asyl“ der Jüdischen Gemeinde in der St.Annen-Straße. Dort war dann auch der Sammelpunkt für die „Evakuierung nach dem Osten“ Anfang Dezember 1941. Margot, Martin und Max kamen nach Lübeck zurück und wurden gemeinsam mit ihrer Mutter und vielen anderen jüdischen Menschen aus Lübeck, aber auch Hamburg, Kiel und anderen Orten in Schleswig-Holstein nach Riga deportiert. Der sog. Hamburger Transport vom 6. Dezember 1941 wurde vom Bahnhof Skirotova bei Riga zu einem ehemaligen Gutshof, dem Jungfernhof gebracht. Kälte und Hunger führten in den Wintermonaten zum Tod vieler. Im Februar 1942 wurden etwa tausend Kinder, Frauen und Kranke mit Lastwagen in den Bikernieki-Wald transportiert und dort erschossen. Eine zweite solche Mordaktion fand am 26. März 1942 statt. Spätestens dann haben Margot, Martin und Max ihr Leben verloren.

Sonja Prenskis Name findet sich auf der Totenliste des Konzentrationslagers Stutthof vom Dezember 1944.

Ihrer ältesten Tochter Sophie gelang 1940 die Flucht aus Deutschland mit dem letzten illegalen Transport über die Donau und das Schwarze Meer zum Mittelmeer an die Küste Palästinas. Als Schiffbrüchige konnte sie nach einer Detonation an Bord im Pyjama an Land schwimmen und so ihr Leben retten.

1994 wurde die erste Gesamtschule in der Hansestadt Lübeck nach den Geschwistern Prenski benannt.

Poesiealbum mit Margots Eintrag

Quelle:
Recherche und Text von Heidemarie Kugler-Weiemann veröffentlicht auf
https://www.stolpersteine-luebeck.de/main/adressen/adlerstrasse-7.html